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„Dirty Harry’s Turn-Out“ – Harald Schmidt schaltet sich ab Juni 16, 2007

Posted by etiennerheindahlen in ARD, Fernsehen, Fernsehkritik, Gesellschaft, Harald Schmidt, Kabarett, Medien, Pocher, Prominente, Satire, Schmidt, TV, TV-Sendungen.
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Es war ein vorhersehbarer Abschied: spätestens seit der Bekanntgabe, daß ARD-Late Night-Talker Harald Schmidt künftig einmal pro Woche im Doppel mit Oliver Pocher („Vollidiot“) im „Ersten“ zu sehen sein würde http://www.presseportal.de/print.htx?nr=985773 , ahnten aufmerksame Zeitgenossen den Rückzug des Kabarettisten. Nun ist es quasi „amtlich“: gegenüber dem „Spiegel“ erklärt Harald Schmidt, daß er keine „Lust auf Late-Night-Shows“ mehr habe. Begründung: „Man hat dann irgendwann nichts anderes mehr, auf jeden Fall nichts, was einem Privatleben noch ähneln würde“.  http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,488972,00.html 

Moment Mal. Wie war das? Late-Night-Auftritte ruinieren das Privatleben…? Wie war das mit Schmidt? Begann die Karriere der einstmals skalpellscharfen Kabarett-Coryphäe nicht mit allabendlichen Auftritten auf den Kleinkunst- und Theater-Bühnen der Republik? Wie anders werden Kabarett-Programme gespielt als Abend für Abend vor meist überschaubaren Publikumsmassen? Bedeutet das für regelmässig auf Tournee gehende Künstler ein – teilweise monatelanges – Leben aus dem Koffer in stereotypen Ketten-Hotels , so können Artisten mit festem Engagement immerhin an ihrem zumindest temporären Lebensmittelpunkt so etwas wie ein Privatleben führen. Umso mehr, wenn sie statt täglich nur an einem oder zwei Abenden in der Woche in die Arena steigen.  Andererseits: Satire und Kabarett sind nicht per Knopfdruck oder semantischer Algoritmen reproduzierbar…Schmidt sei…nein, Gott sei Dank.

Beissender Humor, intelligente Satire und hintergründiger Zynismus wachsen allerdings nicht auf Substrat-Böden einer professionell brainstormenden Redaktion – sondern immer auf dem Humus eines Querdenkers und gesellschaftlichen Geisterfahrers. Dessen aufgeblendetes Fern(seh)-Licht zumindest einen Teil der im Verkehrsstrom eingeordneten Teilnehmer zweifeln lässt, w e r  denn jetzt in der falschen Richtung unterwegs ist (Kalauer: „Ein Geisterfahrer….? Tausende, Tausende…!“). Doch jahrelanger Bleifuß auf der gegenläufigen Überholspur verursacht irgendwann Taubheitsgefühle in der Fußsohle. Und Satire kann wohl nur dann permanent entstehen, wenn der Satiriker nicht nur auf dem Boden des real existierenden Alltags-Gagaismus wandelt – sondern die Schlaglöcher und Stolpersteine auch noch spürt.

Die „Harald Schmidt Show“ im „Ersten“ hatte sich bald schon vom Gagaismus zum Dadaismus gewandelt. Teils eher sinnfrei, teils immer noch von Schmidt’schen Astral-Blitzen über dem Grauen der „Comedy“-Inflation weithin strahlend. Doch zuletzt war vieles zum murmeltierischen Ritual ermattet – der ARD-Vertrag befiehlt Satire: „Zu Befehl, Satire ausführen…Jawoll!!“   

Ich befürchte, daß unsere Gesellschaft – und nicht nur eine nach Scharfzüngigkeit und geistreicher Meinungs-Anarchie dürstende Minderheit – mit dem offensichtlichen (und zumindest befristetem) Rückzug von Harald Schmidt in sein Privatleben ein wenig mutloser wird. Es wird weniger der „ARD-Vorzeige-Hofnarr“ fehlen – sondern der Ur-Schmidt und sein in besten Zeiten valentineskes Querdenkertum. Ob schöpferische Pause oder Neu-Erfindung: relax, enjoy and come back, Mr. Schmidt.

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Schnappschüsse vom Camp? „Tornado“-Fotosession soll aufgeklärt werden Juni 16, 2007

Posted by etiennerheindahlen in Bundesverteidigungsministerium, Bundeswehr, Demonstrationen, G 8, Grundgesetz, Heiligendamm, Innere Sicherheit, Jung, Luftrecht, Luftwaffe, Politik, Reddelich, Tiefflüge, Tornado, Tornados, Verfassung.
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Die SPD-Bundestagsfraktion hat den Nachbrenner eingeschaltet – und Bundesverteidigungsminister Jung will sich seinen Stuhl nicht ankokeln lassen. Der CDU-Minister hat jetzt – offenbar auf Druck des Koalitionspartners – intern eine detaillierte Untersuchung über die skandalösen Tiefflüge über dem Camp derAnti-G 8-Demonstranten in Reddelich angeordnet. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold, zu SpOn: „Wir brauchen alle Koordinaten und auch die geschossenen Aufnahmen, um zu entscheiden, ob die Aufklärungsflüge wirklich korrekt waren.“ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,488857,00.html 

Interessant: SPD-Mann Arnold hatte unmittelbar nach der offiziellen „Amtshilfe“-Bestätigung durch das BMVg den Tiefflieger-Einsatz der Luftwaffe über die Köpfe der Demonstranten noch in Schutz genommen: https://etiennerheindahlen.wordpress.com/2007/06/13/tornado-einsatz-uber-anti-g-8-camp-verstos-gegen-militarisches-luftrecht

Nach Informationen von SpOn habe Minister Jung eine Befragung der Piloten veranlasst, die am 5. Juni in etwa 150 Metern Höhe über das Camp in Reddelich gedonnert waren. Wie aus dem Ministerium verlautet sein soll, sei der Tiefflug nötig gewesen, da eine niedrige und geschlossene Wolkendecke an diesem Tag Aufnahmen aus grösserer Höhe verhindert habe.

Stellt sich heraus, dass die „Tornados“ tatsächlich morgendliche „Paparazzi“-Fotos von verschlafen und erschreckt aus ihren Zelten und Schlafsäcken blinzelnden Camp-Bewohnern geschossen haben, dann wird sich in jedem Fall die Frage nach der operativen Verantwortung für diese abstruse Fotosession stellen. War das von einigen tausend Anti-G 8-Demonstranten bewohnte Camp Reddelich ein befohlenes „Ziel“ im Rahmen des erteilten Flugauftrags? Oder handelte es sich dabei um ein sogenanntes „target of opportunity“ – also ein im näheren Bereich der festgelegten Flugstrecke liegendes „Gelegenheits-Zielobjekt“, über dem die für die Aufklärungsarbeit zuständigen Waffen-Systemoffiziere (im „Tornado“ der Offizier auf dem hinteren Sitz) für „Test-Fotos“ die Auslöser drückten – und zwar „nach eigenem Ermessen“?

Letztlich besteht die Gefahr, dass die Affäre unter Umständen politisch pragmatisch „bereinigt“ wird, indem den Besatzungen die Allein-Verantwortung zugeschoben wird und somit sowohl vorgesetzte Einsatz-Offiziere und deren Befehlshaber in Stäben und im Ministerium sich an den „Tornado“-Crews die Hände abputzen. Mögliche Folge: Disziplinarverfahren gegen die Besatzungen, eventuelles zeitlich befristetes Flugverbot und die Maßnahme würde von Jung als „striktes Durchgreifen in Fällen von leichtsinnigem, unverantwortlichem Handeln“ verkauft. Nebst pauschaler Entschuldigung des Ministers bei den Camp-Bewohnern für erlittene Lärmbelästigung und die psychologische Belastung.

Das aber wäre nur ein denkbares Szenario für den Fall, dass die entsprechenden Befehle bzw. Flugaufträge in keinem Wort und mit keiner Strecken-Koordinate für den Flugweg das „Camp Reddelich“ beinhalten. Fraglich ist, wem letztlich die Original-Flugaufträge zum Beweis vorgelegt werden: da derlei Einsatzdokumente grundsätzlich „Verschlusssachen“ sind, dürfte eine Veröffentlichung eher unwahrscheinlich sein.  Gut möglich, dass sich der „Tornado“-Einsatz über dem Anti-G 8-Camp zum ersten „Stealth“-Einsatz in der Geschichte der Luftwaffe entwickelt. Der unter Fliegern bei aeronautischen Premieren obligate Klaps auf das Hinterteil der Luftfahrer gebührte in dem Fall nicht den Piloten – sondern dem Mann auf dem obersten Schleudersitz der Bundeswehr.